Mittwoch, 18.02.2026

„Seriennummern beim Bargeld sind kein Kontrollinstrument – sie sind ein Werkzeug für Sicherheit und Wahrheitsfindung“ – ein Interview mit Gerrit Stehle

Haben Sie sich schon einmal gefragt, ob Bargeld mehr kann? Gerrit Stehle hat sich diese Frage eingehend gestellt und beantwortet sie heute mit einem beherzten „Ja, absolut!“. Dank der individuellen Seriennummern können Banknoten für Ermittlungen und Plausibilitätsprüfungen und die Analyse von Bargeldströmen dienen. Im Interview sprechen wir mit dem Geschäftsführer der Elephant & Castle IP GmbH darüber, wie eine digitale Inventur von Seriennummern in der Realität funktioniert, welche Chancen die Technologie bietet und ob bestehende datenschutzrechtliche Zweifel überhaupt begründet sind.

Seriennummern als Individualnummern  

ALVARA: Was war der Moment, in dem Sie gemerkt haben: Seriennummern können mehr als Herkunft markieren – sie können die Geschichte des Bargelds erzählen?

Gerrit Stehle: Eigentlich war es kein einzelner Moment, sondern eine Reihe von Widersprüchen. Auf der einen Seite wird Bargeld – von manchen – als Sicherheitsrisiko dargestellt – als „Wurzel des Bösen“. Mit ihm wird viel Schabernack getrieben, den man dank der Seriennummern leichter aufdecken könnte. Auf der anderen Seite macht sich Sorge breit, wenn man von einer Nachverfolgbarkeit des Bargelds spricht. Denn dann kommen datenschutzrechtliche Bedenken auf – ob berechtigt oder nicht.

Die Ironie dabei ist: Wenn Seriennummern auf Banknoten tatsächlich ein datenschutzrechtliches Risiko darstellen würden, müsste man sich zuallererst fragen, warum überhaupt eine individuelle Nummer auf jedem Schein aufgedruckt wurde. Die Seriennummer ist seit jeher Teil des Bargelds. Sie macht Banknoten eindeutig unterscheidbar, ganz unabhängig davon, ob man diese Information technisch auswertet oder nicht. Und man muss sagen: Diese Idee war genial. Die Seriennummer war eine der klügsten Erfindungen, um Sicherheit und Vertrauen in Bargeld zu schaffen – ein absolut smarter Mechanismus, der bis heute wirkt.

Seriennummern sind außerdem absolut bewährt. Bei allen anderen Wertgegenständen wird in der EU auf sie gepocht und es wird sehr sorgfältig mit ihnen gearbeitet. Handys, Kameras, Maschinen – überall ist das selbstverständlich. Nur beim Bargeld hört diese Logik plötzlich auf.

Als ich gesehen habe, wie oft Bargeld in Ermittlungen eine Rolle spielt – und wie wenig technische Unterstützung es dabei gibt –, war klar: Das ist kein theoretisches Problem, sondern ein strukturelles Defizit. 


Sie sagen, dass es das Normalste auf der Welt ist, Seriennummern zu erfassen. Warum wird dies ausgerechnet beim Bargeld so emotional diskutiert?

Gerrit Stehle: Weil Bargeld sofort mit dem „gläsernen Bürger“ verknüpft wird – obwohl das technisch gar nicht stimmt. Wir erfassen keine Personen, keine Kaufvorgänge, keine Profile. Nur Seriennummer, Ort und Zeit.

In allen anderen Branchen gelten Seriennummern als Voraussetzung für Qualitätssicherung, Produktschutz oder Rückverfolgbarkeit. Beim Bargeld wird daraus plötzlich von einer kleinen Zahl an Personen ein vermeintlicher Grundsatzstreit. Das ist weniger technisch als ideologisch.


Wo liegt für Sie der größte Denkfehler in dieser Debatte?

Gerrit Stehle: Dass man glaubt, Bargeld müsse entweder völlig anonym oder vollständig kontrolliert sein. Das ist eine völlig falsche Herangehensweise.

Schon heute gibt es unzählige Datenpunkte im Bargeldkreislauf – sie werden nur nicht systematisch genutzt. Wir reden nicht von lückenloser Überwachung, sondern von gezielten Knotenpunkten, etwa in Cash Centern. Eine Abdeckung von zehn bis fünfzehn Prozent reicht oft schon, um Ermittlungen zu verifizieren oder zu widerlegen.

Und man darf dabei eines nicht vergessen: Die Seriennummer war eine geniale Erfindung. Sie hat das Bargeld überhaupt erst sicher gemacht – sie schafft Vertrauen, ermöglicht Authentizität, schützt vor Fälschungen und ist bis heute einer der smartesten Mechanismen in unserem Währungssystem. Es ist paradox, dass ausgerechnet ein Sicherheitsmerkmal, das seit Jahrzehnten funktioniert, plötzlich als Risiko statt als Stärke wahrgenommen wird.

Wahrheitsfindung statt Generalverdacht

Elephant & Castle ist in über 300 Strafverfahren als Sachverständiger tätig gewesen. Was leisten Seriennummern dort konkret?

Gerrit Stehle: Sie helfen bei der Wahrheitsfindung – in beide Richtungen. Manchmal bestätigen sie die Darstellung der Staatsanwaltschaft, manchmal entlasten sie Angeklagte vollständig. Es geht nicht darum, jemanden zu überführen, sondern die Aussagen überprüfbar zu machen.

In einem konkreten Fall wurde behauptet, Bargeld stamme aus einem jahrelang aufgebauten Vermögen – die Seriennummern zeigten aber, dass die Scheine erst wenige Jahre zuvor gedruckt wurden. Das kann entscheidend sein. Unsere Technologie ist also nicht da, um irgendjemanden in die Pfanne zu hauen. Im Gegenteil: Sie gilt als Instrument zur Wahrheitsfindung – sachlich und effizient. 


Trotz des offensichtlichen Mehrwerts, bei der Aufdeckung von Straftaten zu unterstützen, werden kritische Stimmen laut. Ihre Hauptbefürchtung ist es, dass dieses Vorgehen datenschutzrechtlich problematisch ist. Stimmt das?

Gerrit Stehle: Unsere digitale Inventur erfasst keine personenbezogenen Daten. Keine Namen, keine Konten, keine Bewegungsprofile. Datenschutzrechtlich ist also alles sauber aufgesetzt.

Wenn man Artikel zur Seriennummer und deren Nachverfolgung genau liest, fällt schnell auf: Die Kritik bleibt oft auf der Ebene von Befürchtungen – nicht von konkreten Rechtsverstößen. Und ehrlich gesagt, ersetzt das Argument „Alles ist schlecht“ keine sachliche Auseinandersetzung – egal bei welchem Thema.

Wichtig ist mir, zu verdeutlichen, dass es echte Datenschützer und vermeintliche Datenschützer gibt. Echte Datenschützer sind für uns unverzichtbare Partner. Sie stellen die richtigen, manchmal unbequemen Fragen – und sie zeigen konkret, wie sich Schutzniveau und Zweckbindung weiter verbessern lassen. Genau deshalb binden wir Datenschutzexpertinnen und -experten von der ersten Sekunde an ein, in jedem Land, in dem wir tätig werden. Wir haben aktiv um Unterstützung gebeten, Anforderungen gemeinsam präzisiert und technische sowie organisatorische Maßnahmen iterativ gehärtet. Das ist uns ausgesprochen wichtig – nicht als Pflichtübung, sondern als Qualitätsmerkmal.

Vermeintliche Datenschützer hingegen erklären oft sehr grundsätzlich, wie man etwas nicht machen dürfe, ohne konkrete Rechtsgrundlagen zu benennen oder Lösungswege anzubieten. Dies hilft leider niemandem – weder Bürgerrechten noch Ermittlungsqualität. Nur die „echten Datenschützer“ im Sinne von konstruktiven Datenschützern liefern die entscheidende Brücke zwischen präzisen Anforderungen und praktikabler Umsetzung.

Am Ende sprechen wir von einem klar strukturierten, vierstufigen rechtsstaatlichen Prüfprozess – jede Ebene kontrolliert die andere. Unsere Arbeit erfolgt ausschließlich im rechtsstaatlichen Rahmen:

  1. Sicherheitsbehörden prüfen vorab, ob und in welchem Umfang das Instrument überhaupt eingesetzt werden darf.
  2. Staatsanwaltschaften achten darauf, nur solche Informationen zu übernehmen, die rechtlich zulässig sind – um Beweisverwertungsverbote zu vermeiden.
  3. Die Richterbank kontrolliert den sauberen, rechtsstaatlichen Ablauf der Hauptverhandlung und würdigt Beweise eigenständig.
  4. Die Strafverteidigung schließlich stellt sicher, dass das Verfahren korrekt geführt wird, Maßnahmen verhältnismäßig sind und Rechte der Beschuldigten gewahrt bleiben.

Kurz gesagt: Datenschutz und Rechtsstaat sind kein „Gegengewicht“ zu unserer Arbeit, sondern ihr Fundament. Wir begrüßen kritische, fachlich fundierte Begleitung – denn sie macht die Lösung besser, sicherer und vertrauenswürdiger.

Potenziale freisetzen – dank digitaler Inventur

Neben der Unterstützung bei der Strafverfolgung, wo bringt die Technologie noch Vorteile mit sich?

Gerrit Stehle: Letztlich zahlt alles auf die Digitalisierung der Bargeldlogistik ein. Heißt: Diese wird modernisiert, effizienter, sicherer und in letzter Konsequenz lassen sich Kosten sparen.  Aber nicht, indem man Menschen ersetzt – wie oftmals ängstlich spekuliert wird. Im Gegenteil. In Zeiten von Fachkräftemangel geht es darum, Mitarbeitende zu entlasten und knappe Ressourcen besser einzusetzen.

Ein zentraler Hebel ist daher die digitale Inventur. Wenn jederzeit klar ist, welches Bargeld sich wo befindet, entfällt ein erheblicher Teil an doppelter Logistik, manuellen Kontrollen und Absicherungsprozessen. Heute wird Bargeld beispielsweise in drei Etappen gezählt: beim Einzelhändler, im Cash Center und erneut in der Bundesbankfiliale. Gerade die Logistik dabei ist teuer, zeitaufwendig und risikobehaftet. 

Die systematische Erfassung von Seriennummern könnte hier zum echten Gamechanger werden. Sie schafft Transparenz entlang des Bargeldkreislaufs – und eröffnet neue Kooperationsmodelle. Denkbar wäre etwa, dass Mitarbeitende der Bundesbank zeitweise direkt in privaten Cash Centern unterstützen, vergleichbar mit der Rolle der BaFin, die nah an den Instituten arbeitet. So ließen sich Engpässe abfedern, ohne Arbeitsplätze abzubauen. Sogar das Gegenteil wäre zutreffend: Die Aufgaben würden fachlich aufgewertet und Bargeld langfristig stabilisiert.

Wenn man weiß, was sich tatsächlich im Cash Center befindet, lassen sich Logistikkosten potenziell deutlich senken – in Teilen sogar kurzfristig. Gleichzeitig verbessert sich das Ressourcenmanagement erheblich. Dass Seriennummern dafür die Grundlage bilden, ist in vielen europäischen Ländern längst Standard. Beim Bargeld existiert dieser Mechanismus ebenfalls – er wurde, wie bereits angesprochen, bislang nur nie systematisch zu Ende gedacht.


Was braucht es dafür technisch?

Gerrit Stehle: Technisch ist das kein Hexenwerk. Bei neuen Automaten sprechen wir von Bauteilen im niedrigen zweistelligen Eurobereich, die die Seriennummern dann beim ohnehin stattfindenden Zähl- oder Ausgabepunkt erfassen. Es geht also nicht um neue Geräte oder große Umbauten, sondern um minimale Ergänzungen bestehender Prozesse.

Außerdem dient Software für das digitale Bargeldmanagement in Cash Centern als wertvoller Datenlieferant. Hier wird das Bargeld ohnehin gezählt, verbucht und weitergeleitet. Liegt alles digital vor, können wir diese Informationen in unserer Datenbank speichern. 

Entscheidend ist: Es muss nicht jeder einzelne Schein permanent verfolgt werden. Schon eine partielle Abdeckung an zentralen Knotenpunkten – etwa in Cash Centern oder bei der Erstbefüllung von Automaten – liefert ausreichend Daten, um Inventuren zu digitalisieren, Logistik zu optimieren und im Bedarfsfall Ermittlungen zu unterstützen. Genau darin liegt die Effizienz: hoher Nutzen bei sehr überschaubarem technischen Aufwand.

Gemessen am geringen Aufwand ist der Mehrwert noch beeindruckender. Bessere Inventuren, weniger Diebstahl in Werttransportunternehmen von Mitarbeitern, geringere Logistikkosten, mehr Sicherheit für Werttransporte und neue Ermittlungsansätze bei Geldwäsche, Automatensprengungen oder Betrugsdelikten sind genau genommen bereits jetzt möglich. 


Was ist Ihre zentrale Botschaft an Politik und Behörden?

Gerrit Stehle: 

Bargeld braucht keine Rettung – aber es braucht einen fairen und realistischen Umgang. Was wir derzeit erleben, sind schleichende Angriffe auf seine Rolle: Bargeldobergrenzen, Identifizierungspflichten ab immer niedrigeren Beträgen oder der gesellschaftliche Druck, jeder Transaktion ein digitales Profil zuzuordnen. Dadurch entsteht der Eindruck, Bargeld sei verdächtig – nur weil es existiert.

Meine zentrale Botschaft ist deshalb: Bargeld ist kein Risiko, sondern ein Schutzinstrument.

Es ist nicht das Problem. Es ist Teil der Lösung.

Die Technologie, über die wir sprechen – Seriennummernerkennung – macht Bargeld nicht schwächer, sondern sicherer, effizienter und gerechter.

Sie schützt vor Missbrauch, ohne die Privatsphäre anzutasten.

Sie verhindert Kriminalität, ohne Bürger auszuforschen.

Sie schafft Transparenz im System, nicht im Leben von Menschen.

Und was oft vergessen wird: Bargeld spielt eine unverzichtbare Rolle bei der Cyberresilienz eines Landes.

Wenn digitale Zahlungssysteme ausfallen – sei es durch Cyberattacken, Hackerangriffe auf Zahlungsdienste, Stromausfälle oder Infrastrukturstörungen – dann funktioniert Bargeld weiter. Ohne Anmeldung, ohne App, ohne Server.

Das hat man auch bei Katastrophen wie im Ahrtal gesehen: Als Strom- und Mobilfunknetze tagelang ausgefallen waren, war Bargeld die einzige funktionierende Infrastruktur für den Alltag – für Lebensmittel, Treibstoff, Versorgung. Kein digitales System hätte das ersetzen können.

Und schließlich muss man das Thema auch im Kontext geopolitischer Spannungen betrachten:

In kriegerischen Auseinandersetzungen oder hybriden Konflikten sind digitale Systeme oft das erste Angriffsziel. Bargeld ist dann der letzte stabile Anker der Zivilgesellschaft. Es funktioniert offline, unabhängig, resilient.

Deshalb ist es so wichtig, Bargeld nicht zu schwächen, sondern für das 21. Jahrhundert fit zu machen. Gute Technologien – wie die Seriennummernerkennung – stabilisieren Bargeld, statt es zu bedrohen. Sie modernisieren es, ohne seinen Kern anzutasten.

Die eigentliche Frage an Politik und Behörden lautet daher: Wollen wir Bargeld schützen – oder es weiter unter Druck setzen? Denn Bargeld ist nicht altmodisch. Mit der richtigen Technologie ist es eine moderne, widerstandsfähige Säule einer freien, resilienten Demokratie.


Sie haben das letzte Wort: Möchten Sie noch etwas loswerden?

Gerrit Stehle: Wir sind vor acht Jahren angetreten, um die Seriennummern auch beim Bargeld „gesellschaftsfähig“ zu machen. Denn wie bereits eingangs erwähnt: Ob beim Gemüsehäcksler, dem Radio oder der Playstation alle anderen Geräte weisen auch eine individuelle Nummer auf, die sie rückverfolgbar macht – teils ist das sogar gesetzlich verpflichtend.

Wir sind offen für die Diskussion mit Politik und zentralen Einrichtungen, doch werden noch nicht immer (an-)gehört. Konstruktive Skepsis schätzen wir sehr. Was fehlt, ist die wahrgenommene Verantwortung, die Fakten zu prüfen und daraus klare Entscheidungen abzuleiten. Doch die Praxis zeigt bereits, dass die digitale Inventur mehr Sicherheit und Wahrheit für unsere Gesellschaft bringen kann. Und auch die anderen Möglichkeiten, gerade im Bereich Logistik und Cash Center Management, können echten Mehrwert bringen – wenn sich Verantwortliche offener zeigen würden. Aber wir bleiben dran, da wir an die gute Sache glauben.

Und sollten Sie Bargeld zu Hause oder im Schließfach haben, kann ich nur empfehlen: Notieren Sie sich die Seriennummern!


Danke Ihnen vielmals, Herr Stehle, für das aufschlussreiche Gespräch. 

Gerrit Stehle: Sehr gerne. Ich hoffe, ich konnte eine Lanze für die digitale Inventur brechen, die weit mehr ist als ein Geschäftsmodell – sie ist uns eine Herzensangelegenheit. 

Das haben Sie! Danke. 

 

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